for rent
- cornelia sippel
- vor 5 Tagen
- 1 Min. Lesezeit
Ist der frisch? fragt die Metzgereifachverkäuferin mit einem aufrichtig mitleidigen Blick. Sie spricht nicht zu ihrer appetitlichen Wurstware, sondern zu mir. Und mir ist sofort klar, was sie meint: meinen strahlend weißen Gipsarm. Es folgt die Info, dass ich ausgerutscht bin und mir die Hand gebrochen habe. Gute Besserung, ruft sie mir hinterher. 3 Minuten später bietet ein Teenager mir im Bus seinen Sitzplatz an. Und sogar der Obdachlose, der immer Parkplätze für mich findet, erkundigt sich, was mir passiert sei. Diesen Moment der Fürsorge gewähre ich ihm besonders gerne, heute funktioniert unser kurzes Gespräch einmal andersrum.
Wow, ich genieße, das ist mega! Endlich hast du mal was Normales, sagte mein Partner noch vor 3 Tagen, als wir nach 4 Stunden Notaufnahme wieder nach Hause fuhren.
Stell dir vor, deine Posttraumatische Belastungsreaktion wäre sichtbar. Was ist dir denn passiert? Dein Herz ist verrutscht? Hatte ich auch schon. Ich sehe, sie haben Glyphosat zu sich genommen? Gehört verboten, das Teufelszeug! Du hast den blues? Erzähl, welche Tonart? Du leidest an der Lage der Welt? Da sind wir schon zu zweit.
Niemand müsste sich rechtfertigen, erklären und sich dabei klein und doof oder sogar schuldig fühlen. Ach, so schlimm ist es doch gar nicht, oder? Man sieht ja gar nichts. Du bist aber auch ein Sensibelchen. Das ist doch nur psychisch. Always look on the bright side of life.
GIPSARME FOR RENT - das wäre ein Geschäftsmodell. Wenn du mal gesehen werden willst, wenn du echtes Mitgefühl brauchst.
Meinen Gipsarm werde ich jedenfalls für schlechte Zeiten aufheben!





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